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Lesegeschwindigkeit zu Hause messen: das Lautleseprotokoll in einer Minute

Von Readigo-Redaktion · 2026-09-10 · 8 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

Du brauchst ein unbekanntes Buch auf Klassenniveau, eine Stoppuhr und eine Minute. Dein Kind liest laut, du liest mit und markierst die Fehler; gelesene Wörter minus Fehler ergibt die richtig gelesenen Wörter pro Minute (WpM). Das Verfahren heißt in der Lesedidaktik Lautleseprotokoll und ist dasselbe, das Schulen für die Verlaufsdiagnostik nutzen. Zum Einordnen: Orientierungswerte zum Schuljahresende sind rund 40 WpM in der 1. Klasse, 85 in der 2., 110 in der 3. und 135 in der 4. Klasse - alle Werte und ihre Herkunft stehen unter Lesegeschwindigkeit Klasse 1 bis 4.

Den Text wählen

Die Textwahl entscheidet über das Ergebnis mehr als alles andere. Vier Kriterien: - Unbekannt. Der Text darf noch nie gelesen worden sein. Bei einem bekannten Text erkennt dein Kind ganze Sätze wieder, und der Wert fällt zu hoch aus. Der Lieblingsband, den ihr zwanzigmal hattet, ist die schlechteste Wahl. - Auf Klassenniveau, nicht auf Leseniveau. Du willst wissen, wie dein Kind mit den Texten zurechtkommt, die die Schule erwartet. Wer bewusst leichter wählt, misst sein eigenes Wunschergebnis. - Erzählend, nicht Sachtext. Eine Geschichte mit einfachem Satzbau ist der Standardfall. Sachtexte mit Fachwörtern liefern niedrigere Werte - sie sind interessant als Zusatzmessung ab der 3. Klasse, aber nicht als Ausgangswert. - Etwa 150 bis 250 Wörter, damit dein Kind in der Minute nicht ans Ende kommt. Ein Absatz ohne Bilder mitten im Buch ist besser als eine erste Seite. Als Fundgrube eignen sich die großen Erstlesereihen, weil sie nach Lesestufen sortiert sind: der Leserabe, der Bücherbär, der Lesetiger und der Duden Leseprofi. Nimm die Stufe, die zur Klasse deines Kindes gehört, nicht die, bei der es sich wohlfühlt. Ab der 3. Klasse tut es auch eine unbekannte Seite aus dem Lesebuch der Schule oder aus einem Kinderroman. Zähl die Wörter des Abschnitts vorher aus und schreib die Zahl an den Rand - das spart später Zeit.

Der Ein-Minuten-Test Schritt für Schritt

Plan fünf Minuten ein, nicht mehr. Am besten am Nachmittag, nicht kurz vor dem Schlafengehen. 1. Zwei Exemplare oder ein Blick über die Schulter. Ideal ist eine Kopie des Textes für dich, auf der du markieren kannst. Sonst liest du von der Seite mit. 2. Sag, was passiert. „Lies mir das hier mal laut, ich stoppe eine Minute. Es geht nicht um schnell, sondern um normal.“ Kein Wettkampf, keine Note. 3. Stoppuhr starten beim ersten Wort. Dein Kind liest laut, im gewohnten Tempo. 4. Mitlesen und markieren. Jedes Wort, das falsch, ausgelassen oder ersetzt wird, bekommt einen Strich. Korrigiere nicht. 5. Nach etwa drei Sekunden vorsagen. Bleibt dein Kind an einem Wort hängen, sag es ruhig und lass weiterlesen. Ein vorgesagtes Wort zählt als Fehler. 6. Nach 60 Sekunden markieren, wie weit es gekommen ist, und lesen lassen, bis der Absatz zu Ende ist. Das nimmt dem Abbruch die Schärfe. 7. Rechnen. Gelesene Wörter minus Fehler = richtig gelesene Wörter pro Minute. Beispiel: 96 gelesene Wörter, 6 Fehler, macht 90 WpM. 8. Genauigkeit mitrechnen. Richtig gelesene Wörter geteilt durch alle gelesenen Wörter, im Beispiel 90 von 96, also rund 94 %. Unter etwa 95 % war der Text zu schwer, und das Tempo sagt dann wenig aus. Sag deinem Kind hinterher etwas Konkretes, das gut war: „Du hast an jedem Punkt angehalten“ ist mehr wert als „prima gemacht“.

Interaktiver Rechner

WpM-Rechner für den Ein-Minuten-Test

Mach den Ein-Minuten-Test von oben und trag dann die Zahlen ein. Du bekommst eine Schätzung der korrekt gelesenen Wörter pro Minute (WpM) und siehst, wo dein Kind im Vergleich zu den Klassennormen nach Hasbrouck-Tindal steht.

Klasse
Jahreszeit

Der gezeigte Richtwert liegt bei ca. 100 % der Norm zum Schuljahresende.

Wörter und Fehler von Hand zählen? Das übernimmt Readigo für dich, während dein Kind liest.

Füll alle drei Felder aus, um das Ergebnis zu sehen.

Eine Schätzung, keine Diagnose. Nimm den Durchschnitt aus drei Durchgängen an verschiedenen Tagen, dann ist die Zahl verlässlich.

Was als Fehler zählt und was nicht

Hier gehen die meisten Messungen zu Hause schief - entweder wird alles gezählt oder gar nichts. Die Regeln sind einfach: Als Fehler zählen: - Ausgelassene Wörter. Ein übersprungenes Wort ist ein Fehler, eine übersprungene Zeile sind alle Wörter dieser Zeile. - Ersetzte Wörter. „Pferd“ statt „Pony“, „lief“ statt „läuft“. Auch falsche Endungen zählen, weil sie den Satz verändern. - Falsch gelesene Wörter, die dein Kind nicht selbst korrigiert. - Vorgesagte Wörter. Alles, was du nach etwa drei Sekunden übernimmst. Nicht als Fehler zählen: - Selbstkorrekturen. Liest dein Kind „Hose“ und sagt sofort „Hase“, ist das kein Fehler, sondern ein gutes Zeichen: Es kontrolliert sich am Sinn. - Wiederholungen. Ein Wort oder ein Satzanfang, der noch einmal gelesen wird, kostet Zeit und schlägt sich im Tempo nieder - aber er ist kein Lesefehler. - Aussprache aus Dialekt oder Zweitsprache. Ein süddeutsch gerolltes r, ein regionaler Vokal, ein Akzent: Das Wort wurde richtig erkannt, und darum geht es. - Hinzugefügte Wörter. Sie sind ein Hinweis auf ungenaues Lesen, werden in dieser Zählung aber nicht abgezogen. Notier sie dir am Rand, wenn sie sich häufen. Halte die Regeln über alle Messungen hinweg gleich. Wer beim zweiten Mal großzügiger zählt, misst einen Fortschritt, den es nicht gibt.

Das Ergebnis einordnen

Der Wert allein sagt nichts. Er braucht zwei Bezugsgrößen: die Klasse und den Zeitpunkt im Schuljahr. Die Orientierungswerte zum Schuljahresende sind rund 40 WpM in der 1., rund 85 in der 2., rund 110 in der 3. und rund 135 in der 4. Klasse. Sie stammen aus der Lesedidaktik (Rosebrock u. a.) und dem Bayerischen ISB und sind keine amtlichen Normen. Misst du im Herbst, liegt die Erwartung bei rund 80 % davon (2. Klasse rund 68, 3. Klasse rund 88, 4. Klasse rund 108), zum Halbjahr bei rund 92 % (rund 78, 101 und 124). In der 1. Klasse gibt es für den Herbst keinen sinnvollen Wert. Dazu drei Untergrenzen, an denen sich das Nachfragen orientiert: rund 80 WpM am Ende der 2. Klasse und rund 90 WpM am Ende der 3. Klasse (Röttig, Schwerkolt und Nottbusch 2021), und der Richtwert von rund 100 WpM für flüssiges, verstehendes Lesen (Rosebrock und Nix 2008), der in der Regel erst ab Klasse 4 erreicht wird. Die Bildungsdirektion Steiermark verbindet ihn mit der Genauigkeit: verstehendes Lesen gelingt „ab 100 WpM und bei nicht mehr als 5 Lesefehlern“. Den Vergleich musst du nicht im Kopf machen: Tabelle und Rechner für alle Klassen nehmen Wörter, Fehler und Zeitpunkt entgegen und ordnen das Ergebnis ein. Die Herkunft der Zahlen steht im Überblick Lesegeschwindigkeit Klasse 1 bis 4.

Wöchentlich wiederholen und die Richtung beobachten

Eine einzelne Messung ist eine Momentaufnahme. Kinder lesen an einem müden Dienstag zwanzig Wörter langsamer als an einem guten Samstag, und ein Text kann einfach nicht ihr Thema sein. Deshalb gilt: drei Messungen an verschiedenen Tagen mit verschiedenen Texten, dann den Mittelwert nehmen. Das ist dein Ausgangswert. Danach reicht einmal pro Woche, immer am selben Wochentag, immer mit einem neuen Text derselben Stufe. Führ eine kleine Tabelle mit Datum, Wörtern, Fehlern und WpM - auf Papier am Kühlschrank oder in einer Notiz-App. Viele Kinder finden die eigene Kurve spannend, sobald sie merken, dass sie steigt. Gib der Sache sechs bis acht Wochen. In dieser Zeit sagt die Richtung mehr als jeder einzelne Wert: Ein Drittklässler, der von 85 auf 100 WpM kommt, ist auf Kurs, auch wenn er unter dem Jahreswert bleibt. Steht die Kurve dagegen still, obwohl täglich geübt wird, ist das der Befund, mit dem du zur Lehrkraft gehst.

Die häufigsten Fehler beim Messen

- Ein bekannter Text. Der häufigste Fehler und der mit der größten Wirkung. Wiedererkannte Sätze treiben den Wert um zwanzig Prozent und mehr nach oben. - Währenddessen korrigieren. Jede Einmischung kostet Sekunden und irritiert. Halt die Minute durch, notier die Fehler, sprich hinterher darüber. - Ein zu schwerer Text. Sinkt die Genauigkeit unter etwa 95 %, misst du nicht mehr das Tempo, sondern die Überforderung. Eine Stufe zurück. - Druck und Wettkampf. Kein Vergleich mit Geschwistern, keine Bestzeitenjagd, keine Belohnung fürs Tempo. Ein Kind, das schneller lesen will als es kann, liest ungenau - und du misst genau das. - Eine einzige Messung. Aus einem Wert eine Diagnose zu machen ist der Klassiker. Erst drei Messungen ergeben ein Bild. - Immer mit dem Juni-Wert vergleichen. Im Oktober ist der Orientierungswert rund ein Fünftel niedriger. Wer das übersieht, erschrickt jedes Jahr im Herbst grundlos. - Die Zahl vor dem Kind aussprechen. Sag, was du beobachtet hast, nicht, wie weit es „hinten“ liegt. Der Wert gehört dir und der Lehrkraft, nicht dem Selbstbild deines Kindes.

Was die Zahl nicht misst

Das Lautleseprotokoll ist ein Thermometer, keine Diagnose. Drei Dinge bleiben außen vor. Das Verstehen. Ein Kind kann 130 WpM lesen und nichts behalten. Stell deshalb nach jeder Messung zwei Fragen zum Abschnitt: Wer kam vor? Was ist passiert? Wenn das Tempo stimmt und die Antworten fehlen, liegt das Problem nicht bei der Flüssigkeit. Die Betonung. Zwei Kinder mit demselben Wert können völlig verschieden klingen - eines gruppiert in Sinneinheiten, das andere leiert Wort für Wort. Die Betonung ist Teil der Leseflüssigkeit und oft das früheste Zeichen, dass es aufwärtsgeht. Worauf du hören kannst, steht unter Prosodie beim Lesen. Das leise Lesen. Ab der 3. Klasse liest dein Kind in der Schule überwiegend leise, und leise wird schneller gelesen als laut. Zahlen aus Tests zum leisen Lesen sind mit dem Lautleseprotokoll nicht vergleichbar. Miss laut, vergleich mit lauten Werten. Was die Flüssigkeit überhaupt ausmacht und welche Übungen sie verbessern, steht unter Leseflüssigkeit fördern. Und zwischen zwei Abenden mit dir kann eine App die Regelmäßigkeit halten: Readigo ist eine iOS-App für Kinder von 6 bis 12 Jahren. Sie hört zu, während dein Kind laut liest, und bewertet in Echtzeit Genauigkeit, Leseflüssigkeit, Lesetempo und Deutlichkeit - mit einer Spracherkennung, die auf Kinderstimmen abgestimmt ist. Ehrlich dazu: Die Geschichten in der App sind derzeit auf Englisch, Spanisch, Französisch, Polnisch und Ukrainisch. Eine deutsche Bibliothek ist in Vorbereitung. Für die Messung auf Deutsch bleiben Stoppuhr, Buch und du der Kern. So funktioniert Readigo.

Quellen

Häufige Fragen

  • Wie messe ich die Lesegeschwindigkeit meines Kindes zu Hause?

    Mit dem Lautleseprotokoll: Nimm einen unbekannten, erzählenden Text auf Klassenniveau mit 150 bis 250 Wörtern, stell genau eine Minute und lass dein Kind laut lesen. Lies mit und markier falsch gelesene, ausgelassene und ersetzte Wörter sowie Wörter, die du nach etwa drei Sekunden vorsagst. Gelesene Wörter minus Fehler ergibt die richtig gelesenen Wörter pro Minute. Korrigiere während der Minute nicht.

  • Was zählt beim Lautleseprotokoll als Fehler?

    Als Fehler zählen ausgelassene Wörter, ersetzte Wörter (auch falsche Endungen), falsch gelesene Wörter ohne Selbstkorrektur und Wörter, die du nach etwa drei Sekunden vorsagst. Nicht als Fehler zählen Selbstkorrekturen, Wiederholungen, Aussprachevarianten aus Dialekt oder Zweitsprache und hinzugefügte Wörter. Wichtig ist, die Regeln über alle Messungen hinweg gleich zu halten.

  • Wie oft sollte ich die Lesegeschwindigkeit messen?

    Für den Ausgangswert drei Messungen an verschiedenen Tagen mit verschiedenen Texten, davon der Mittelwert. Danach einmal pro Woche, immer am selben Wochentag und mit einem neuen Text derselben Stufe. Beobachte die Richtung über sechs bis acht Wochen: Sie sagt mehr als jeder einzelne Wert. Bewegt sich die Kurve trotz täglichem Üben nicht, sprich mit der Lehrkraft.

  • Welchen Text nehme ich für den Ein-Minuten-Test?

    Einen unbekannten, erzählenden Text auf dem Niveau der Klasse, etwa 150 bis 250 Wörter lang. Die großen Erstlesereihen sind praktisch, weil sie nach Lesestufen sortiert sind: Leserabe, Bücherbär, Lesetiger und Duden Leseprofi. Ab der 3. Klasse geht auch eine unbekannte Seite aus dem Lesebuch der Schule oder aus einem Kinderroman. Ein bekannter Text treibt den Wert deutlich nach oben.

  • Mein Kind liest 90 Wörter pro Minute - ist das gut?

    Das hängt von Klasse und Zeitpunkt ab. In der 3. Klasse ist 90 im Herbst gut (Erwartung rund 88) und zum Schuljahresende zu wenig (Orientierungswert 110). In der 2. Klasse liegt 90 über dem Jahreswert von 85, in der 4. Klasse deutlich darunter. Rechne die Genauigkeit mit: Unter etwa 95 % richtig gelesenen Wörtern sagt das Tempo wenig aus.

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