Lesegeschwindigkeit in der Grundschule: Wörter pro Minute von der 1. bis zur 4. Klasse (Orientierungswerte)
Von Readigo-Redaktion · 2026-09-10 · 8 Min. Lesezeit
Kurz gesagt
Beim lauten Lesen eines unbekannten Textes auf Klassenniveau gelten für das Schuljahresende diese Orientierungswerte: 1. Klasse rund 40, 2. Klasse rund 85, 3. Klasse rund 110, 4. Klasse rund 135 richtig gelesene Wörter pro Minute (WpM). Die Werte stammen aus der Lesedidaktik (Rosebrock u. a.) und dem Bayerischen ISB - es sind keine amtlichen Normen, und für die 1. Klasse existiert nicht einmal ein Studienwert, sondern nur eine Praxisspanne von 30 bis 50 WpM. Mitten im Schuljahr liegt die Messlatte tiefer: Wir rechnen im Herbst mit rund 80 % und zum Halbjahr mit rund 92 % des Jahresendwerts. Wer die ganze Kurve bis zur 8. Klasse sucht, findet sie in der ausführlichen Fassung Lesegeschwindigkeit nach Klasse.
Warum es keine deutsche Norm gibt - und was Lehrkräfte stattdessen nutzen
Wer nach „Lesegeschwindigkeit 2. Klasse“ sucht, findet Zahlen zwischen 60 und 120 WpM und keine Quelle, die eine davon verbindlich macht. Der Grund: Für das laute Lesen zusammenhängender Texte gibt es im deutschen Sprachraum keine standardisierte Norm. Die verbreiteten Lesetests messen etwas anderes - das Salzburger Lese-Screening (SLS), die Würzburger Leise Leseprobe (WLLP-R), ELFE II und der LGVT sind Verfahren für das leise Lesen und liefern keine WpM-Werte fürs Lautlesen. Röttig, Schwerkolt und Nottbusch mussten für ihre Studie 2021 deshalb eigene Grenzwerte aufstellen, weil zuverlässige Vergleichswerte fehlten. Was in der Praxis stattdessen benutzt wird, sind vier Bezugspunkte: - Rosebrock, Gold, Nix und Rieckmann (2011). Ihr Band „Leseflüssigkeit fördern“ nennt Orientierungswerte fürs laute Lesen. Das Bayerische Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) gibt sie in seiner Serviceinformation zum LehrplanPLUS wieder, nur für zwei Jahrgangsstufen: 80 bis 90 WpM am Ende der 2. Klasse (sehr gute Leserinnen und Leser rund 115) und 130 bis 140 am Ende der 4. Klasse (sehr gute rund 165). Das ISB nennt sie ausdrücklich Richtwerte. - Die Wiener Längsschnittstudie von Klicpera und Gasteiger-Klicpera - die einzigen deutschsprachigen Klassenmittelwerte, die im Umlauf sind: 80 WpM in der 2., 110 in der 3. und 130 in der 4. Klasse. Sie sind österreichisch und aus den 1990er-Jahren, bekannt über Rosebrock u. a. (2017) und Röttig u. a. (2021). - Röttig, Schwerkolt und Nottbusch (2021). Eine Brandenburger Erhebung mit echten Lautlesedaten: im Mittel 84,5 WpM am Ende der 2. Klasse und 94,9 WpM in der 3. Klasse auf einem altersgemäßen Text (111 WpM auf einem leichteren, geübten Text). - Die Übersichtstabelle von BiSS-Transfer (Grimm, Hellenschmidt, Rosebrock, Scherf und Zach 2017), die viele Schulen und Bildungsserver verlinken. Ehrlich dazu: Ihre Werte für die Klassen 1 bis 8 sind identisch mit den US-amerikanischen Normwerten von Hasbrouck und Tindal (2006), Perzentil 50 - keine deutschen Durchschnittswerte, auch wenn sie oft so zitiert werden. Daraus folgt zweierlei: Keine dieser Zahlen ist eine Vorgabe - weder ein Bundesland noch die Kultusministerkonferenz schreibt Wörter pro Minute fest. Als Frühwarnsystem taugen sie trotzdem, weil alle vier Bezugspunkte für die Klassen 2 bis 4 in dieselbe Richtung zeigen.
Die Orientierungswerte je Klasse
Alle Werte gelten für das laute Lesen eines unbekannten Textes auf Klassenniveau. Gezählt werden richtig gelesene Wörter in einer Minute. Der Wert für das Schuljahresende ist der Anker, die Werte für Herbst und Halbjahr sind daraus abgeleitet. - 1. Klasse: rund 40 WpM zum Schuljahresende, Spanne 30 bis 50. Zum Halbjahr rund 37. Für den Herbst nennen wir keinen Wert, weil die meisten Kinder dann noch am Zusammenschleifen der Laute arbeiten. Ehrlich dazu: Für die 1. Klasse gibt es weder eine deutsche Norm noch einen Studienwert; 40 ist die Mitte einer Praxisspanne. Ausführlich: Wörter pro Minute in der 1. Klasse. - 2. Klasse: rund 85 WpM zum Schuljahresende, nach dem ISB 80 bis 90, sehr gute Leserinnen und Leser rund 115. Zum Halbjahr rund 78, im Herbst rund 68. Das ist der größte Sprung der Grundschulzeit - der Wert verdoppelt sich gegenüber der 1. Klasse. Ausführlich: Wörter pro Minute in der 2. Klasse. - 3. Klasse: rund 110 WpM zum Schuljahresende, zum Halbjahr rund 101, im Herbst rund 88. Für diese Klassenstufe veröffentlicht das ISB keinen Wert. Die 110 stammen aus dem Wiener Längsschnitt. Die Brandenburger Erhebung kam auf einem altersgemäßen Text auf 94,9 WpM - die 110 liegen also eher am oberen Rand. Ausführlich: Wörter pro Minute in der 3. Klasse. - 4. Klasse: rund 135 WpM zum Schuljahresende, nach dem ISB 130 bis 140, sehr gute Leserinnen und Leser rund 165. Zum Halbjahr rund 124, im Herbst rund 108. Ausführlich: Wörter pro Minute in der 4. Klasse. Der Zeitpunkt im Schuljahr entscheidet mit: Ein Drittklässler mit 90 WpM im Oktober liegt über dem Herbstwert seiner Klasse, nicht darunter - wer ihn mit den 110 vom Juni vergleicht, erschrickt ohne Grund. Und wichtiger als der einzelne Wert ist die Richtung über sechs bis acht Wochen. Für Familien in Österreich und der Schweiz: Die Datenlage ist dieselbe - der Wiener Längsschnitt ist sogar die österreichische Quelle hinter der 110. Wie sich die Werte auf Volksschule und Primarschule übertragen lassen, steht unter Lesegeschwindigkeit in der Volksschule und Lesegeschwindigkeit in der Primarschule.
Die ganze Tabelle der Orientierungswerte
Richtig gelesene Wörter pro Minute beim lauten Lesen, nach Klasse und Zeitpunkt im Schuljahr. Die letzte Spalte ist die grobe typische Spanne zum Schuljahresende.
| Klasse | Herbst | Halbjahr | Schuljahresende | Typische Spanne am Schuljahresende |
|---|---|---|---|---|
| 1 | – | 37 | 40 | 27–52 |
| 2 | 68 | 78 | 85 | 57–111 |
| 3 | 88 | 101 | 110 | 74–143 |
| 4 | 108 | 124 | 135 | 90–176 |
| 5 | 116 | 133 | 145 | 97–189 |
| 6 | 120 | 138 | 150 | 101–195 |
| 7 | 122 | 141 | 153 | 103–199 |
| 8 | 124 | 143 | 155 | 104–202 |
Quelle: Orientierungswerte aus der deutschen Lesedidaktik - Ende der 2. Klasse 80 bis 90 WpM und Ende der 4. Klasse 130 bis 140 WpM nach dem Bayerischen ISB (zitiert nach Rosebrock, Gold, Nix und Rieckmann 2011), Klasse 3 nach dem Wiener Längsschnitt und Röttig u. a. (2021). Es sind keine amtlichen Normen: eine standardisierte deutsche Norm für das laute Lesen in Wörtern pro Minute gibt es nicht. Herbst ≈ 80 % und Halbjahr ≈ 92 % des Werts fürs Schuljahresende. Die Spanne ist eine Näherung. Für die 1. Klasse gibt es keinen Herbstwert - die meisten Kinder erlesen im September gerade erst die ersten Wörter.
Die drei Schwellen: 80, 90, 100
Neben den Durchschnittswerten kursieren drei Zahlen als Untergrenzen. Für Eltern sind sie oft nützlicher als der Mittelwert, weil sie sagen, wann genaueres Hinsehen sich lohnt. 80 WpM am Ende der 2. Klasse. Röttig, Schwerkolt und Nottbusch (2021) setzen hier ihre Untergrenze für flüssiges Lesen an. Ihr für Eltern wichtigster Befund: Kinder, die am Ende der 2. Klasse darunter lagen, lasen ein Jahr später selten flüssig. Tempodefizite in Klasse 2 sind hartnäckig. Das ist der Grund, in der 2. Klasse nachzufragen statt die 3. abzuwarten. 90 WpM am Ende der 3. Klasse. Dieselbe Studie, dieselbe Logik: eine Untergrenze, kein Ziel. Wer im Juni der 3. Klasse bei 95 landet, liegt unter dem Orientierungswert von 110, aber über der Grenze, ab der die Studie von flüssigem Lesen spricht. 100 WpM als Richtwert für verstehendes Lesen. Rosebrock und Nix (2008) haben diese Marke als Übergang zum flüssigen Lesen vorgeschlagen. BiSS-Transfer führt sie in der Anleitung zum Lautleseprotokoll, die Bildungsdirektion Steiermark macht daraus die Faustregel „ab 100 WpM und bei nicht mehr als 5 Lesefehlern“. Wichtig ist die Einschränkung bei Röttig u. a.: ein didaktischer Vorschlag, kein empirisch abgesicherter Schwellenwert, und in der Regel erst ab Klasse 4 zu erwarten. Ein Zweitklässler mit 85 WpM ist also nicht „unter der Schwelle“, sondern genau dort, wo er sein soll. Dazu kommt eine Zahl, die gar kein Tempo misst: 95 % Genauigkeit. BiSS-Transfer nennt sie als Voraussetzung für verstehendes Lesen, praktisch also höchstens ein Fehler auf zwanzig Wörter. Liegt die Genauigkeit darunter, sagt das Tempo wenig aus - dann ist entweder der Text zu schwer oder das Dekodieren noch nicht sicher, und beides löst man nicht mit mehr Geschwindigkeit. Wie viel an diesen Grundlagen hängt, zeigt die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU 2021: Der Anteil der Viertklässlerinnen und Viertklässler in Deutschland, die die mittlere Kompetenzstufe III nicht erreichen, stieg von 17 % im Jahr 2001 auf 25 % im Jahr 2021. IGLU misst Leseverständnis, nicht Tempo - aber die Leseflüssigkeit ist der Teil davon, den du zu Hause messen und trainieren kannst.
So misst du zu Hause in einer Minute
Das Verfahren heißt Lautleseprotokoll und braucht nur ein Buch und eine Stoppuhr: 1. Unbekannter Text auf Klassenniveau. Eine Seite aus einem Erstlesebuch der passenden Lesestufe oder aus dem Lesebuch der Schule, die dein Kind noch nicht kennt. Ein bekannter Text treibt den Wert nach oben. 2. Genau eine Minute laut lesen lassen, im gewohnten Tempo. Korrigiere währenddessen nicht, auch wenn es schwerfällt. 3. Wörter zählen, Fehler abziehen. Als Fehler zählen falsch gelesene, ausgelassene und ersetzte Wörter sowie Wörter, die du nach etwa drei Sekunden vorsagst. Eine Selbstkorrektur zählt nicht. Was übrig bleibt, sind die richtig gelesenen Wörter pro Minute. 4. Mit dem passenden Zeitpunkt vergleichen, nicht mit dem Juni-Wert: im Herbst rund 80 %, zum Halbjahr rund 92 % des Jahresendwerts. Mach zwei bis drei Durchgänge an verschiedenen Tagen mit verschiedenen Texten und nimm den Mittelwert. Ein einzelner Wert schwankt mit Tagesform und Textsorte. Und lass es ein Spiel bleiben. Die ausführliche Anleitung mit allen Fehlerregeln steht unter Lesegeschwindigkeit zu Hause messen. Tabelle und Rechner für alle Klassen und Zeitpunkte findest du unter Lesegeschwindigkeit: Tabelle und Rechner.
Wenn dein Kind unter dem Orientierungswert liegt
Zuerst die Entwarnung: Ein Kind zehn oder fünfzehn Wörter unter dem Orientierungswert hat kein Leseproblem, sondern Übungsbedarf. Zwei Verfahren aus der Lesedidaktik tragen dabei den größten Teil der Wirkung, und beide kannst du zu Hause übernehmen. - Wiederholtes Lesen. Dein Kind liest denselben Abschnitt von 80 bis 100 Wörtern an drei bis vier Tagen hintereinander laut. Mit jedem Durchgang sinkt der Dekodieraufwand, das Tempo steigt, die Betonung kommt dazu - und die häufigen Wörter, die dabei sitzen, erkennt es im nächsten Text wieder. Stolpert es häufiger als bei jedem zwanzigsten Wort, nimm einen leichteren Text. - Lautlesetandem. In der Schule lesen zwei Kinder als „Sportler“ und „Trainer“ denselben kurzen Text halblaut gemeinsam. Der Trainer führt den Finger mit, korrigiert und lobt, der Text wird mehrmals gelesen. Untersucht ist das Verfahren in Schulklassen, wo es Leseflüssigkeit und Textverständnis verbessert hat. Zu Hause übernimmst du die Trainerrolle und ziehst deine Stimme zurück, sobald dein Kind sicher wird. Zehn Minuten täglich schlagen eine Stunde am Sonntag. Gib dem Ganzen sechs bis acht Wochen und miss am Anfang und am Ende. Bewegt sich der Wert nicht, verwechselt dein Kind weiterhin b und d, oder erschöpft das Lesen es nach wenigen Minuten, dann sprich mit der Lehrkraft. Einen Wochenplan für Erst- und Zweitklässler findest du unter Mein Kind liest nicht flüssig zusammengestellt. Was Leseflüssigkeit überhaupt ist und welche Verfahren wirken, steht unter Leseflüssigkeit fördern. Readigo ist eine iOS-App für Kinder von 6 bis 12 Jahren. Sie hört zu, während dein Kind laut liest, und bewertet in Echtzeit Genauigkeit, Leseflüssigkeit, Lesetempo und Deutlichkeit - mit einer Spracherkennung, die auf Kinderstimmen abgestimmt ist. Ehrlich dazu: Die Geschichten in der App sind derzeit auf Englisch, Spanisch, Französisch, Polnisch und Ukrainisch. Eine deutsche Bibliothek ist in Vorbereitung. Für das Tempo auf Deutsch bleiben das laute Lesen mit dir und ein deutsches Buch der Kern - die App ergänzt beides, sie ersetzt es nicht. So funktioniert Readigo.
Quellen
- ISB Bayern, LehrplanPLUS - Serviceinformation „Lesegeschwindigkeit“ (Richtwerte nach Rosebrock, Gold, Nix & Rieckmann 2011)
- Röttig, Schwerkolt & Nottbusch (2021) - Die Entwicklung der Leseflüssigkeit in der Grundschule (SLLD-B, Ruhr-Universität Bochum)
- BiSS-Transfer - Lautleseprotokoll (Richtwert 100 WpM nach Rosebrock & Nix 2008, 95 % Lesegenauigkeit)
- BiSS-Transfer - Lautleseverfahren: wiederholtes Lautlesen, Lautlesetandems, chorisches Lesen
- Bildungsdirektion Steiermark - Ermittlung der Lesegeschwindigkeit
- IFS TU Dortmund - Pressemitteilung IGLU 2021