Lesegeschwindigkeit in der Primarschule: Wörter pro Minute nach Klasse (Schweiz, Lehrplan 21)
Von Readigo-Redaktion · 2026-09-10 · 7 Min. Lesezeit
Kurz gesagt
Am Ende der 1. Klasse liest ein Kind laut etwa 30 bis 50 Wörter pro Minute, am Ende der 2. Klasse rund 85, am Ende der 3. rund 110, am Ende der 4. rund 135 und am Ende der 6. Klasse rund 150 richtig gelesene Wörter pro Minute. Das sind Orientierungswerte aus der deutschsprachigen Lesedidaktik. Eine amtliche Schweizer Tabelle mit Wörtern pro Minute je Klasse gibt es nicht. Der Lehrplan 21 nennt keine einzige solche Zahl. Er beschreibt Kompetenzen. Die Marke, die in Schweizer Schulzimmern kursiert, stammt aus der Praxis: mindestens 100 Wörter pro Minute am Ende der 4. Klasse. Alle Werte nach Jahreszeit stehen im Überblick Lesegeschwindigkeit Klasse 1 bis 4.
Was der Lehrplan 21 zur Leseflüssigkeit sagt - und was nicht
Die Deutschschweizer Volksschule dauert elf Jahre, und der Lehrplan 21 teilt sie in drei Zyklen: Zyklus 1 umfasst zwei Jahre Kindergarten und die 1. und 2. Klasse, Zyklus 2 die 3. bis 6. Klasse, Zyklus 3 die Sekundarschule. Die Primarschule ist also sechsjährig. Der Kindergarten davor ist obligatorisch, und wer in Zürich am 31. Juli vier Jahre alt ist, tritt im August ein - die 1. Klasse beginnt damit in der Regel mit sechs. Kantonal ist der Aufbau fast gleich, im Aargau etwa ebenfalls zwei plus sechs plus drei Jahre. Zuständig ist der Kompetenzbereich D.2 Lesen, darin der Bereich A „Grundfertigkeiten“. Der Leitsatz: „Die Schülerinnen und Schüler verfügen über Grundfertigkeiten des Lesens. Sie können ihren rezeptiven Wortschatz aktivieren, um das Gelesene schnell zu verstehen.“ Die Stufen darunter beschreiben eine Entwicklung, keine Messwerte: - Zyklus 1 (Kindergarten bis 2. Klasse): Buchstaben und Laute verbinden, „kurze Sätze langsam erlesen“, vertraute Wörter „auf einen Blick“ erkennen (Sichtwortschatz), kurze Texte „laut oder still lesen“. - Zyklus 2 (3. bis 6. Klasse): einen längeren geübten Text flüssig laut lesen können - und, wörtlich, „verfügen über ein Lesetempo, das dem Textverstehen dient“. - Zyklus 3 (Sekundarschule): dasselbe „mit angemessener Intonation und verständlich“. Wir haben die Zürcher Gesamtausgabe durchsucht, alle 504 Seiten: „Lesegeschwindigkeit“, „Leseflüssigkeit“ und „Wörter pro Minute“ kommen kein einziges Mal vor, „Lesetempo“ genau einmal - in der oben zitierten Stufe. Das ist Absicht: Der Lehrplan weist pro Zyklus Grundansprüche aus - Kompetenzstufen, die „spätestens bis zum Ende des jeweiligen Zyklus“ erreicht sein sollen, formuliert als Können, nicht als Zahl. Auch Lernlupe, die Lehrplan-21-Plattform für den 2. Zyklus, zeigt den Lernfortschritt in Kompetenzen, nicht in Wörtern pro Minute. (Ein Hinweis in eigener Sache: Wir schreiben hier in deutscher Rechtschreibung mit ß, du schreibst in der Schweiz „ss“ - an den Werten für die Primarschule ändert das nichts.)
Die Orientierungswerte je Klasse
Die Werte gelten für richtig gelesene Wörter pro Minute beim lauten Lesen eines unbekannten, altersgemäßen Textes am Ende des Schuljahres. Sie stammen aus der Lesedidaktik um Cornelia Rosebrock, aus der Serviceinformation des Bayerischen ISB und aus der Wiener Längsschnittstudie - keine amtlichen Normen, keine Schweizer Erhebung. - Ende 1. Klasse: etwa 40 WpM (Spanne 30 bis 50) - ein Orientierungswert aus der Praxis, kein Studienwert. Mehr dazu: Wörter pro Minute in der 1. Klasse. - Ende 2. Klasse: etwa 85 WpM. Das ISB Bayern nennt nach Rosebrock u. a. 80 bis 90 richtig gelesene Wörter, sehr gute Leserinnen und Leser etwa 115. Die Wiener Daten liegen bei 80. Details. - Ende 3. Klasse: etwa 110 WpM, Wert aus der Wiener Längsschnittstudie. Details. - Ende 4. Klasse: etwa 135 WpM, mit mindestens 100 WpM als Untergrenze. Details. - Ende 5. Klasse: etwa 145 WpM. Fortschreibung. Oberhalb der 4. Klasse werden die Belege dünn. - Ende 6. Klasse: etwa 150 WpM. Hier gibt es Schweizer Zahlen. Der Beobachter berichtete 2020 aus einer Zürcher Primarschule: „Die Besten lesen Ende der sechsten Klasse mehr als 150 Wörter pro Minute. Gut die Hälfte schafft 130 bis 140.“ Darum verwenden wir die deutschsprachigen Werte auch für die Schweiz - am einzigen Punkt mit Schweizer Zahlen treffen sie sich. Dieselbe Logik gilt im Nachbarland, siehe Lesegeschwindigkeit in der österreichischen Volksschule. Im Herbst rechnest du mit rund 80 Prozent des Jahresendwerts, zum Halbjahr mit rund 92: in der 3. Klasse also etwa 88 im Oktober, 101 im Februar, 110 im Juni. Alle Zeitpunkte und einen Rechner stehen in der Lesegeschwindigkeit-Tabelle.
Die ganze Tabelle der Orientierungswerte
Richtig gelesene Wörter pro Minute beim lauten Lesen, nach Klasse und Zeitpunkt im Schuljahr. Die letzte Spalte ist die grobe typische Spanne zum Schuljahresende.
| Klasse | Herbst | Halbjahr | Schuljahresende | Typische Spanne am Schuljahresende |
|---|---|---|---|---|
| 1 | – | 37 | 40 | 27–52 |
| 2 | 68 | 78 | 85 | 57–111 |
| 3 | 88 | 101 | 110 | 74–143 |
| 4 | 108 | 124 | 135 | 90–176 |
| 5 | 116 | 133 | 145 | 97–189 |
| 6 | 120 | 138 | 150 | 101–195 |
| 7 | 122 | 141 | 153 | 103–199 |
| 8 | 124 | 143 | 155 | 104–202 |
Quelle: Orientierungswerte aus der deutschen Lesedidaktik - Ende der 2. Klasse 80 bis 90 WpM und Ende der 4. Klasse 130 bis 140 WpM nach dem Bayerischen ISB (zitiert nach Rosebrock, Gold, Nix und Rieckmann 2011), Klasse 3 nach dem Wiener Längsschnitt und Röttig u. a. (2021). Es sind keine amtlichen Normen: eine standardisierte deutsche Norm für das laute Lesen in Wörtern pro Minute gibt es nicht. Herbst ≈ 80 % und Halbjahr ≈ 92 % des Werts fürs Schuljahresende. Die Spanne ist eine Näherung. Für die 1. Klasse gibt es keinen Herbstwert - die meisten Kinder erlesen im September gerade erst die ersten Wörter.
Was das für dein Kind konkret heißt
1. und 2. Klasse (Zyklus 1). Dein Kind erliest Wörter noch Laut für Laut oder in Silben - genau die Reihenfolge, die der Lehrplan beschreibt. Im ersten Jahr zählt die Richtigkeit, nicht das Tempo. Ab Ende der 2. Klasse wird die Zahl aussagekräftig: Unter etwa 80 WpM spricht die Forschung noch nicht von flüssigem Lesen, und Rückstände aus diesem Jahr sind hartnäckig. 3. Klasse. Mit dem 2. Zyklus wechselt der Anspruch: Lesen soll dem Verstehen dienen, nicht dem Entziffern. Bei rund 110 WpM klingt es zum ersten Mal wie Sprechen, Wortgruppen statt Einzelwörter. Die Untergrenze liegt bei etwa 90 WpM, die Genauigkeit sollte 95 Prozent erreichen. 4. Klasse. Das Jahr des 100-WpM-Richtwerts. Der Beobachter formuliert das Ziel so: „Jeder Schüler und jede Schülerin soll Ende der 4. Klasse fähig sein, mindestens 100 Wörter pro Minute laut zu lesen.“ Der Durchschnitt liegt mit 130 bis 140 deutlich darüber. 5. und 6. Klasse (Ende Zyklus 2). Die Texte werden länger, der Übertritt in die Sekundarschule oder ans Langgymnasium steht an. Rund 150 WpM sind ein realistisches Ziel. Wichtiger als das letzte Wort pro Minute ist jetzt die Betonung: Wer flüssig liest, hört sich selbst zu und merkt, wenn ein Satz keinen Sinn ergibt.
Der Ein-Minuten-Test zu Hause (Lautleseprotokoll)
Das Verfahren heißt Lautleseprotokoll und ist dasselbe, das Lehrpersonen einsetzen. Du brauchst eine Stoppuhr und zwei Ausdrucke desselben Textes. 1. Nimm einen unbekannten Text auf dem Niveau der Klasse. Ein geübter Text hebt das Ergebnis deutlich an. Genau darum wird beim Tandemlesen mehrmals derselbe Abschnitt gelesen. 2. Genau 60 Sekunden laut lesen lassen. Die Ansage lautet „lies so gut du kannst“, nicht „lies schnell“. Nicht unterbrechen, nicht korrigieren. 3. Auf deinem Exemplar mitmarkieren: Häkchen für richtig, Strich durch falsch gelesene Wörter, Kreis um ausgelassene. Selbstkorrekturen zählen als richtig. Nach einer Minute setzt du einen Strich. 4. Rechnen: gelesene Wörter minus Fehler = richtig gelesene Wörter pro Minute. Über 5 Prozent Fehler heißt: Der Text war zu schwer. 5. Zwei- bis dreimal an verschiedenen Tagen wiederholen und den Mittelwert nehmen. Eine Einzelmessung schwankt zu stark. Einmal im Monat genügt, immer mit derselben Methode. Die ausführliche Anleitung steht unter Lesegeschwindigkeit zu Hause messen, den Rechner findest du in der Lesegeschwindigkeit-Tabelle.
Lautlesetandems: Was Schweizer Schulen machen und wie du es zu Hause nutzt
Schweizer Primarschulen trainieren die Leseflüssigkeit mit dem Lautlesetandem. Die Materialplattform zebis der Deutschschweizer Kantone beschreibt es so: „Beim Lautleseverfahren ‚Lesen im Tandem‘ wird ein Text von einem besser lesenden Kind (Trainer) und einem weniger gut lesenden Kind (Sportler) mehrmals laut gelesen. Ziel ist eine Verbesserung der Leseflüssigkeit, welche eine wichtige Voraussetzung für das Textverstehen ist.“ Die Texte dort richten sich an die 3. und 4. Klasse. So sieht das im Alltag aus. Der Beobachter beschrieb 2020 eine Primarschule in Zürich-Schwamendingen: Der „Sportler“ gibt das Tempo vor, der „Trainer“ fährt mit dem Finger mit und korrigiert. Die Schule macht das in den Klassen 2 bis 6, dreimal pro Woche 20 Minuten. Sabine Kutzelmann, Dozentin für Deutschdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Zürich, sagt dort, Tandem-Lesen sei „fester Bestandteil der Ausbildung“ - nötig wären aber „regelmässige flächendeckende Weiterbildungen für alle Lehrpersonen“. Ob die Klasse deines Kindes so arbeitet, hängt also stark von der Lehrperson ab. Zu Hause übernimmst du die Trainerrolle - eine Übertragung des Schulverfahrens, keine eigens für Eltern belegte Methode, aber derselbe Mechanismus. Ein Abschnitt von 100 bis 150 Wörtern reicht: Du liest ihn einmal als Modell laut, dann lest ihr ihn zwei- bis dreimal gemeinsam halblaut, zum Schluss liest dein Kind allein. Als Zielmarke für den geübten Text nennt BiSS-Transfer 95 bis 100 Wörter pro Minute. Zehn Minuten am Tag genügen. Was Leseflüssigkeit außer Tempo noch umfasst, erklärt Leseflüssigkeit: Was ist das und wie fördern.
Wann du mit der Lehrperson sprechen solltest
Ein paar Wörter unter dem Orientierungswert sind normal. Such das Gespräch, wenn eines davon zutrifft: - Ende der 2. Klasse deutlich unter 80 WpM, Ende der 3. unter 90, oder im Frühling der 4. Klasse noch unter 100 WpM bei mehr als fünf Fehlern. - Die Genauigkeit bleibt auch auf leichten Texten unter 95 Prozent. - Zwei bis drei Monate tägliches lautes Lesen bewegen die Zahl nicht. - Dein Kind rät Wörter aus dem Anfangsbuchstaben oder ist nach fünf Minuten erschöpft. Frag konkret: Wurde ein Lautleseprotokoll gemacht, und wird in der Klasse mit Lautlesetandems gearbeitet? Bleibt der Rückstand trotz Förderung, kann die Schule den schulpsychologischen Dienst einbeziehen. Frühe Anzeichen beschreiben Anzeichen für Legasthenie bei Kindern und Legasthenie oder einfach langsam. Für die 1. und 2. Klasse gibt es Mein Kind liest nicht flüssig. Und für die Abende, an denen niemand zuhören kann: Readigo ist eine iOS-App für Kinder von 6 bis 12 Jahren. Sie hört zu, während dein Kind laut liest, und bewertet in Echtzeit vier Werte: Genauigkeit, Leseflüssigkeit, Lesetempo und Deutlichkeit - mit einer Spracherkennung, die auf Kinderstimmen abgestimmt ist. Die Geschichten sind derzeit auf Englisch, Spanisch, Französisch, Polnisch und Ukrainisch. Eine deutsche Bibliothek ist in Vorbereitung. In der Schweiz kostet Readigo CHF 9.00 pro Monat oder CHF 50.00 pro Jahr (entspricht CHF 4.17 pro Monat, rund 54 % günstiger), inkl. MwSt., jederzeit im App Store kündbar. So funktioniert es.
Quellen
- Lehrplan 21, Kanton Zürich - Gesamtausgabe (Grundlagen, Zyklen; Fachbereich Deutsch, D.2 Lesen, Grundfertigkeiten)
- Kanton Zürich - Primarschule (sechs Jahre, Unterstufe und Mittelstufe, Übertritt)
- Kanton Zürich - Kindergarten (zwei Jahre, obligatorisch, Stichtag 31. Juli)
- Kanton Aargau - Schulstufen (Kindergarten, Primarschule, Oberstufe)
- Beobachter (2020) - Die Tandem-Methode: Wie Kinder besser lesen lernen (Zürcher Primarschule, WpM-Werte, PH Zürich)
- zebis - Themenbasierte Texte zur Leseförderung mit dem Lautlesetandem (Trainer und Sportler, 3./4. Klasse)
- Lernlupe - Online-Plattform für den 2. Zyklus (3. bis 6. Klasse), abgestimmt auf den Lehrplan 21
- ISB Bayern - LehrplanPLUS Serviceinformation „Lesegeschwindigkeit“ (Richtwerte Jgst. 2 und 4 nach Rosebrock u. a. 2011)
- BiSS-Transfer - Lautleseprotokoll (Richtwert 100 WpM, Genauigkeit 95 %)
- BiSS-Transfer - Lautleseverfahren (Lautlesetandem, wiederholtes Lesen, Zielmarke 95 bis 100 WpM)
- Röttig, Schwerkolt & Nottbusch (2021) - Die Entwicklung der Leseflüssigkeit in der Grundschule (SLLD-B, Ruhr-Universität Bochum)
- Rosebrock (2012) - Was ist Lesekompetenz, und wie kann sie gefördert werden? (leseforum.ch, Vortrag für die EDK)