Lesegeschwindigkeit in der Volksschule: Wörter pro Minute von der 1. bis zur 4. Schulstufe (Österreich)
Von Readigo-Redaktion · 2026-09-10 · 8 Min. Lesezeit
Kurz gesagt
Am Ende der 1. Schulstufe lesen Kinder laut etwa 30 bis 50 Wörter pro Minute, am Ende der 2. Schulstufe rund 85, am Ende der 3. rund 110 und am Ende der 4. Schulstufe rund 135 richtig gelesene Wörter pro Minute. Das sind Orientierungswerte aus der Lesedidaktik (Rosebrock u. a.) und dem Bayerischen ISB, ergänzt um die Wiener Längsschnittdaten - keine amtlichen Normen. Eine offizielle österreichische Tabelle mit Wörtern pro Minute je Schulstufe gibt es nicht. Was die Bildungsdirektionen stattdessen nennen, ist ein Richtwert: Ab etwa 100 Wörtern pro Minute und höchstens 5 Lesefehlern kann ein Kind einen erzählenden Text verstehend lesen. Diese Marke wird in der Regel erst in der 4. Schulstufe erreicht. Die vollständige Tabelle mit Herbst-, Halbjahres- und Jahresendwerten findest du im Überblick Lesegeschwindigkeit Klasse 1 bis 4.
Warum es keine amtliche österreichische WpM-Tabelle gibt
Die Volksschule dauert vier Jahre. Das Bildungsministerium beschreibt sie als Grundschule mit einer Grundstufe I (1. und 2. Schulstufe, bei Bedarf mit Vorschulstufe) und einer Grundstufe II (3. und 4. Schulstufe). Die allgemeine Schulpflicht beginnt mit dem 1. September nach dem sechsten Geburtstag, und nach der 4. Schulstufe wechselt dein Kind in die Mittelschule oder in die Unterstufe einer AHS. Ziel der Volksschule ist laut Ministerium, dass Kinder „Lesen, Schreiben und Rechnen“ lernen. Eine Zahl, wie viele Wörter pro Minute das am Ende jeder Schulstufe sein sollen, steht in keinem der amtlichen Dokumente, die wir für diesen Artikel geöffnet haben. Was Volksschulen einsetzen, misst etwas anderes als Wörter pro Minute: - Salzburger Lese-Screening (SLS 2–9) von Wimmer und Mayringer: Die Kinder prüfen drei Minuten lang still, ob kurze Sätze stimmen. Das Ergebnis ist ein Lesequotient, normiert an rund 11.900 Schülerinnen und Schülern. Das SLS erfasst basale Lesefertigkeit und Lesegeschwindigkeit, aber als Klassen- oder Einzeltest in Sätzen pro drei Minuten - nicht als lautes Lesen. - iKM PLUS des IQS in der 3. und 4. Schulstufe: ein Basismodul zum Leseverstehen, dazu ein leichteres Fokusmodul mit Lesefertigkeiten auf Wort- und Satzebene für schwächere Leserinnen und Leser. Die Lehrperson bekommt eine Rückmeldung zum Verstehen, keinen WpM-Wert. - Das Lautleseprotokoll ist der einzige schulische Weg zu einer echten Wörter-pro-Minute-Zahl. Die Bildungsdirektion Steiermark empfiehlt es mehrmals im Schuljahr und nennt den Richtwert: „Als Faustregel gilt hier: ab 100 WpM und bei nicht mehr als 5 Lesefehlern kann ein narrativer Text verstehend gelesen werden.“ Dieselbe Marke - „mindestens 100 Wörter pro Minute“ am Ende der 4. Klasse - steht auf lesenlernen.at. Zwei Fallen beim Lesen solcher Seiten. Erstens verlinkt die Steiermark eine Übersichtstabelle von BiSS-Transfer mit Durchschnittswerten für die Klassen 1 bis 8. Deren Zahlen entsprechen den US-amerikanischen Normen von Hasbrouck und Tindal (2006), nicht einer österreichischen Erhebung. Zweitens nennt der Tiroler Bildungsservice „150 Wörter pro Minute“ als Marke für das Ende der 4. Klasse - dieser Wert steht dort neben Erwachsenenwerten von 200 bis 300 WpM und gehört in den Kontext des stillen Lesens. Für lautes Lesen ist er zu hoch. Die einzigen österreichischen Mittelwerte für lautes Lesen, die in der Fachliteratur kursieren, stammen aus der Wiener Längsschnittstudie von Klicpera und Gasteiger-Klicpera: rund 80 Wörter pro Minute am Ende der 2., 110 am Ende der 3. und 130 am Ende der 4. Schulstufe (zitiert nach Röttig, Schwerkolt und Nottbusch 2021). Sie decken sich fast genau mit den Orientierungswerten der deutschen Lesedidaktik. Deshalb verwenden wir für Österreich dieselben Werte wie für Deutschland.
Die Orientierungswerte je Schulstufe
Die Werte gelten für richtig gelesene Wörter pro Minute beim lauten Lesen eines unbekannten, altersgemäßen Textes am Ende des Schuljahres. Sie sind Orientierungswerte aus der Lesedidaktik (Rosebrock u. a.) und dem Bayerischen ISB, ergänzt um die Wiener Längsschnittdaten - keine amtlichen Normen. - Ende 1. Schulstufe: etwa 40 WpM (Spanne 30 bis 50). Das ist ein Orientierungswert aus der Praxis. Eine deutschsprachige Norm oder einen Studienwert gibt es dafür nicht. Mehr dazu unter Wörter pro Minute in der 1. Klasse. - Ende 2. Schulstufe: etwa 85 WpM. Das ISB Bayern nennt nach Rosebrock u. a. 80 bis 90 richtig gelesene Wörter, sehr gute Leserinnen und Leser etwa 115. Die Wiener Daten liegen bei 80, eine Brandenburger Erhebung (Röttig u. a. 2021) bei 84,5. Details: Wörter pro Minute in der 2. Klasse. - Ende 3. Schulstufe: etwa 110 WpM. Der Wert stammt aus der Wiener Längsschnittstudie. Die Brandenburger Kinder lasen 111 Wörter auf einem geübten und knapp 95 auf einem altersgemäßen Text. Details: Wörter pro Minute in der 3. Klasse. - Ende 4. Schulstufe: etwa 135 WpM. Das ISB nennt 130 bis 140, sehr gute etwa 165. Wien 130. Der Richtwert „mindestens 100 WpM bei höchstens 5 Fehlern“ ist die Untergrenze, nicht der Durchschnitt. Details: Wörter pro Minute in der 4. Klasse. Im Herbst liegen Kinder typischerweise bei rund 80 Prozent des Jahresendwerts, zum Halbjahr bei rund 92 Prozent. Ein Kind in der 2. Schulstufe liest also im Oktober eher 68, im Februar eher 78 und im Juni etwa 85 Wörter pro Minute. Die Tabelle mit allen drei Zeitpunkten und einem Rechner für deine eigene Messung steht in der Lesegeschwindigkeit-Tabelle.
Die ganze Tabelle der Orientierungswerte
Richtig gelesene Wörter pro Minute beim lauten Lesen, nach Klasse und Zeitpunkt im Schuljahr. Die letzte Spalte ist die grobe typische Spanne zum Schuljahresende.
| Klasse | Herbst | Halbjahr | Schuljahresende | Typische Spanne am Schuljahresende |
|---|---|---|---|---|
| 1 | – | 37 | 40 | 27–52 |
| 2 | 68 | 78 | 85 | 57–111 |
| 3 | 88 | 101 | 110 | 74–143 |
| 4 | 108 | 124 | 135 | 90–176 |
| 5 | 116 | 133 | 145 | 97–189 |
| 6 | 120 | 138 | 150 | 101–195 |
| 7 | 122 | 141 | 153 | 103–199 |
| 8 | 124 | 143 | 155 | 104–202 |
Quelle: Orientierungswerte aus der deutschen Lesedidaktik - Ende der 2. Klasse 80 bis 90 WpM und Ende der 4. Klasse 130 bis 140 WpM nach dem Bayerischen ISB (zitiert nach Rosebrock, Gold, Nix und Rieckmann 2011), Klasse 3 nach dem Wiener Längsschnitt und Röttig u. a. (2021). Es sind keine amtlichen Normen: eine standardisierte deutsche Norm für das laute Lesen in Wörtern pro Minute gibt es nicht. Herbst ≈ 80 % und Halbjahr ≈ 92 % des Werts fürs Schuljahresende. Die Spanne ist eine Näherung. Für die 1. Klasse gibt es keinen Herbstwert - die meisten Kinder erlesen im September gerade erst die ersten Wörter.
Was das für dein Kind konkret heißt
1. Schulstufe. Dein Kind erliest Wörter noch Laut für Laut oder in Silben. Das Tempo ist hier fast nebensächlich. Wichtig ist, dass die Buchstaben-Laut-Zuordnung sicher wird und dein Kind Wörter, die es einmal erlesen hat, beim zweiten Mal schneller erkennt. 30 Wörter pro Minute im Juni sind kein Grund zur Sorge, wenn sie richtig gelesen sind. 2. Schulstufe. Jetzt wird die Zahl aussagekräftig. Röttig u. a. sehen flüssiges Lesen ab etwa 80 WpM und beobachten, dass Kinder, die am Ende der 2. Schulstufe deutlich darunter liegen, ein Jahr später meist immer noch stockend lesen - Tempodefizite in diesem Jahr sind hartnäckig. Wer bei 60 bis 70 liegt, braucht kein Alarmprogramm, aber tägliches lautes Lesen mit Rückmeldung. 3. Schulstufe. Um 110 WpM klingt Lesen zum ersten Mal wie Sprechen: Wortgruppen statt Einzelwörter, Punkt und Komma hörbar. Als Untergrenze für flüssiges Lesen nennen Röttig u. a. hier 90 WpM. Achte auf die Genauigkeit: Etwa 95 Prozent richtig gelesene Wörter gelten als Voraussetzung dafür, dass dein Kind den Text auch versteht. 4. Schulstufe. Das Jahr, in dem der 100-WpM-Richtwert erreicht werden sollte. Nach Röttig u. a. ist erst jetzt zu erwarten, dass Kinder diese Mindestgeschwindigkeit für flüssiges Lesen schaffen. Der Durchschnitt liegt bei 130 bis 140. Wer im Frühjahr der 4. Schulstufe noch unter 100 liest und dabei mehr als 5 Fehler macht, startet mit einem Handicap in Mittelschule oder AHS, weil dort die Textmengen sprunghaft steigen.
Der Ein-Minuten-Test zu Hause (Lautleseprotokoll)
Du brauchst einen Text, eine Stoppuhr und eine zweite Kopie des Textes zum Mitlesen. Das Verfahren ist dasselbe, das die Bildungsdirektion Steiermark und lesenlernen.at für den Unterricht beschreiben. 1. Wähle einen unbekannten Text auf dem Niveau der Schulstufe. Ein geübter Text treibt die Zahl nach oben: Die Brandenburger Drittklässler lasen auf dem geübten Text 111, auf dem neuen knapp 95 WpM. 2. Lass dein Kind genau eine Minute laut lesen. Sag „lies so gut du kannst“, nicht „lies schnell“. Unterbrich nicht und korrigiere nicht. 3. Markiere mit. Ein Häkchen für jedes richtig gelesene Wort, ein Minus für ein falsch gelesenes, eine Null für ein ausgelassenes. Nach 60 Sekunden setzt du einen Strich. Selbstkorrekturen zählen als richtig. 4. Rechne. Gelesene Wörter minus Fehler ergibt die richtig gelesenen Wörter pro Minute. Die Fehler sollten nicht mehr als 5 Prozent des Gelesenen ausmachen. 5. Wiederhole an zwei oder drei Tagen und nimm den Mittelwert. Eine einzelne Messung schwankt zu stark. Die Steiermark empfiehlt Lautleseprotokolle mehrmals im Schuljahr. Zu Hause reicht einmal im Monat, immer mit derselben Methode. Die ausführliche Anleitung steht unter Lesegeschwindigkeit zu Hause messen, der Rechner in der Lesegeschwindigkeit-Tabelle.
Lautlesetandems: Was Schulen machen und wie du es zu Hause nutzt
Das Standardverfahren im deutschsprachigen Raum, um die Zahl zu heben, heißt Lautlesetandem. Es stammt aus der Lesedidaktik um Cornelia Rosebrock und wird laut BiSS-Transfer vorrangig in der Grundschule ab der 2. Klasse eingesetzt. Zwei Kinder lesen denselben kurzen Text halblaut im Chor: Der „Sportler“ liest, der „Trainer“ liest mit, fährt mit dem Finger mit und korrigiert Fehler. Jeder Text wird mehrmals gelesen, bis er flüssig sitzt. Dann kommt der nächste. Ziel der Wiederholungen ist ein Sichtwortschatz - Wörter, die dein Kind nicht mehr erlesen muss, sondern erkennt. Die Belege stammen aus Klassenzimmern. Sechste Klassen, die dreimal pro Woche 15 bis 20 Minuten trainierten, schnitten laut BiSS-Transfer im Salzburger Lese-Screening und im Leseverständnistest ELFE besser ab als Kontrollklassen (Nix 2011; Rosebrock u. a. 2011). Lauer-Schmaltz, Rosebrock und Gold (2014) fanden Zuwächse bei Leseflüssigkeit und Textverständnis. Rosebrock selbst berichtete 2012 in einem Vortrag für die Schweizer EDK, dass Lautleseverfahren beim schwächsten Fünftel der Zwölfjährigen sehr gute Ergebnisse zeigen und, etwas weniger deutlich, auch bei Neunjährigen an Primarschulen. Zu Hause übernimmst du die Trainerrolle. Das ist eine Übertragung des Schulverfahrens, keine eigens für Eltern belegte Methode - aber der Mechanismus ist derselbe. Es reicht ein Absatz von 100 bis 150 Wörtern: Du liest ihn einmal als Modell laut, dann lest ihr ihn zwei- bis dreimal gemeinsam halblaut, und zum Schluss liest dein Kind ihn allein. Als Zielmarke für wiederholtes Lesen nennt BiSS-Transfer 95 bis 100 Wörter pro Minute auf dem geübten Text. Zehn Minuten am Tag genügen. Warum das wirkt und was Leseflüssigkeit außer Tempo noch umfasst, erklärt Leseflüssigkeit: Was ist das und wie fördern.
Wann du mit der Lehrperson sprechen solltest
Ein paar Wörter unter dem Orientierungswert sind normal. Die Spanne innerhalb einer Klasse ist groß. Sprich mit der Lehrperson, wenn eines davon zutrifft: - Ende der 2. Schulstufe deutlich unter 80 WpM, Ende der 3. unter 90, oder im Frühjahr der 4. Schulstufe noch unter 100 WpM bei mehr als 5 Fehlern. - Die Genauigkeit liegt dauerhaft unter 95 Prozent, auch auf leichten Texten. - Zwei bis drei Monate regelmäßiges lautes Lesen bringen keine Bewegung in die Zahl. - Dein Kind verwechselt weiterhin ähnliche Buchstaben oder Laute, rät Wörter aus dem Anfangsbuchstaben oder ist nach fünf Minuten Lesen erschöpft. Frag konkret nach: Wie ist das Ergebnis im Salzburger Lese-Screening? Wurde ein Lautleseprotokoll gemacht? Gibt es Förderunterricht oder ein Lesetandem in der Klasse? Bleibt der Rückstand trotz Förderung, kann die Schule eine Abklärung auf eine Lese-Rechtschreib-Schwäche anstoßen. Woran du frühe Anzeichen erkennst, steht unter Anzeichen für Legasthenie bei Kindern und Legasthenie oder einfach langsam. Für die 1. und 2. Schulstufe haben wir eine eigene Seite: Mein Kind liest nicht flüssig. Und für die Abende, an denen niemand zwanzig Minuten zuhören kann: Readigo ist eine iOS-App für Kinder von 6 bis 12 Jahren. Sie hört zu, während dein Kind laut liest, und bewertet in Echtzeit vier Werte: Genauigkeit, Leseflüssigkeit, Lesetempo und Deutlichkeit - mit einer Spracherkennung, die auf Kinderstimmen abgestimmt ist. Die Geschichten sind derzeit auf Englisch, Spanisch, Französisch, Polnisch und Ukrainisch. Eine deutsche Bibliothek ist in Vorbereitung. Readigo kostet 9,99 € pro Monat oder 69,99 € pro Jahr (entspricht 5,83 € pro Monat, 5 Monate geschenkt, rund 42 % günstiger), inkl. MwSt., jederzeit im App Store kündbar. So funktioniert es.
Quellen
- Bildungsdirektion Steiermark - Ermittlung der Lesegeschwindigkeit (Lautleseprotokoll, Richtwert 100 WpM)
- lesenlernen.at - Lautleseprotokoll (mindestens 100 Wörter pro Minute am Ende der 4. Klasse)
- Bundesministerium für Bildung - Volksschule (Grundstufe I und II, Schulpflicht, Übertritt)
- Bildungsdirektion Vorarlberg - Schulpflicht
- Hogrefe - SLS 2–9 Salzburger Lese-Screening für die Schulstufen 2–9 (Wimmer & Mayringer)
- IQS - iKM PLUS Volksschule, Inhalte (Deutsch Lesen, 3. und 4. Schulstufe)
- Tiroler Bildungsservice (TiBS) - Lesegeschwindigkeit ermitteln
- ISB Bayern - LehrplanPLUS Serviceinformation „Lesegeschwindigkeit“ (Richtwerte Jgst. 2 und 4 nach Rosebrock u. a. 2011)
- BiSS-Transfer - Lautleseprotokoll (Richtwert 100 WpM, Genauigkeit 95 %)
- BiSS-Transfer - Lautleseverfahren (Lautlesetandem, wiederholtes Lesen, Wirksamkeitsstudien)
- Röttig, Schwerkolt & Nottbusch (2021) - Die Entwicklung der Leseflüssigkeit in der Grundschule (SLLD-B, Ruhr-Universität Bochum)
- Rosebrock (2012) - Was ist Lesekompetenz, und wie kann sie gefördert werden? (leseforum.ch)