Wie viele Wörter pro Minute in der 1. Klasse? Der Orientierungswert mit 6 bis 7 Jahren
Von Readigo-Redaktion · 2026-09-10 · 6 Min. Lesezeit
Kurz gesagt
Am Ende der 1. Klasse liest ein Kind, das im Plan ist, etwa 30 bis 50 richtig gelesene Wörter pro Minute (WpM) laut, in einem unbekannten Text auf Klassenniveau. Wir rechnen mit 40. Ehrlich dazu: Das ist ein Orientierungswert aus der Praxis von Lehrkräften und Lesedidaktik - eine deutsche Norm oder einen Studienwert für die 1. Klasse gibt es nicht. Zum Halbjahr rechnet unser Rechner mit rund 37 WpM. Für den Herbst gibt es keinen Wert, weil die meisten Kinder dann noch gar nicht lesen. Fest steht nur, wo die Reise hingeht: Für das Ende der 2. Klasse nennt das Bayerische ISB 80 bis 90 WpM. Alle Klassen im Überblick stehen in Lesegeschwindigkeit Klasse 1 bis 4.
So liest ein Kind in der 1. Klasse
Die 1. Klasse ist das Jahr, in dem Lesen überhaupt erst entsteht. Im September kennt dein Kind vielleicht seinen Namen und ein paar Buchstaben. Dann kommen Woche für Woche neue Buchstaben-Laut-Zuordnungen dazu, mit Fibel oder Anlauttabelle, je nach Schule. Das erste Lesen ist ein Zusammenschleifen: M-a, Ma, Ma-ma, Mama. Es ist langsam, es ist anstrengend, und es soll so sein. Ab dem Winter ändert sich das Bild. Die meisten Kinder erlesen jetzt Silbe für Silbe, oft mit Silbenbögen oder farbig markierten Silben als Stütze. Kurze, lautgetreue Wörter (Oma, Hose, rot) gelingen zunehmend auf Anhieb. Bei Konsonantenhäufungen (Strumpf, Pflanze) wird noch lautiert. Zum Schuljahresende liest ein Kind im Plan einfache Sätze aus Erstlesebüchern der ersten Lesestufe - Leserabe in der Vor-Lesestufe und der 1. Lesestufe, Bücherbär für die 1. Klasse - stockend, aber selbständig, und es versteht, was es gelesen hat. Zwei Dinge sollten Eltern über dieses Jahr wissen. Erstens: Der Sprung von der 1. in die 2. Klasse ist der größte der ganzen Grundschulzeit. Der Orientierungswert verdoppelt sich von rund 40 auf rund 85 WpM, weil in der 2. Klasse das Dekodieren automatisch werden soll. Zweitens: Die Schule selbst setzt den Zielpunkt später. Eine Handreichung des Sächsischen Kultusministeriums formuliert als Ziel, dass Kinder „zum Ende des ersten Halbjahres in Klassenstufe 2, spätestens am Ende der Klassenstufe 2 die Schriftsprache verstehen und anwenden“. Am Ende der 1. Klasse ist ein Kind also mitten im Prozess, nicht am Ziel. Wie es weitergeht, steht unter Wörter pro Minute in der 2. Klasse.
Warum manche Kinder in der 1. Klasse hängen bleiben
In der 1. Klasse hat langsames Lesen fast immer dieselbe Ursache: Die Buchstaben-Laut-Zuordnung sitzt noch nicht vollständig, oder das Zusammenschleifen der Laute zu einem Wort gelingt noch nicht. Ein Kind, das jeden Buchstaben kennt, aber „M-au-s“ nicht zu „Maus“ verbinden kann, liest langsam, obwohl es alles „weiß“. Ein Kind, das bei einem Viertel der Buchstaben zögert, stockt bei jedem dritten Wort. Dazu kommen typische Stolperstellen des ersten Schuljahres: Buchstaben, die sich ähneln (b/d, p/q, m/n), Laute mit mehreren Schreibweisen (ie, ei, eu/äu) und Konsonantenhäufungen am Wortanfang (Str-, Pfl-, Schw-). Auch das Sehen spielt eine Rolle: Ein Kind, das die Zeile verliert oder Buchstaben vertauscht, braucht vielleicht zuerst einen Termin beim Augenarzt, nicht mehr Übung. Und manche Kinder lesen zu Hause schlicht zu wenig - in der 1. Klasse zählt jede gelesene Seite, weil Tempo der Lesemenge folgt. Zwei Checks, die zu Hause zehn Minuten dauern: - Unbekannte Kunstwörter erlesen. Schreib drei kurze Wörter auf, die es nicht gibt: „Mola“, „Tufi“, „Renk“. Kann dein Kind sie lautieren und zusammenschleifen, funktioniert das Dekodieren - es fehlt nur Tempo. Rät es stattdessen ein bekanntes Wort („Mona“), lohnt sich ein Blick auf die Buchstaben-Laut-Zuordnung. - Die Buchstaben der Klasse. Nimm die Anlauttabelle oder die Fibel und geh alle Buchstaben durch, die die Klasse bis jetzt eingeführt hat. Jeder Buchstabe, der länger als zwei Sekunden braucht oder den falschen Laut bekommt, ist eine konkrete Lücke, die du mit der Lehrkraft besprechen kannst.
Der Ein-Minuten-Test zu Hause
In der 1. Klasse ist eine Minute lautes Lesen weniger eine Messung als ein Blick auf den Stand. Vor dem Halbjahr lohnt sie sich kaum: Viele Kinder erlesen im Herbst noch Buchstabe für Buchstabe, und eine Zahl daraus sagt dir nichts, was du nicht schon hörst. Für die 1. Klasse gibt es deshalb auch keinen Herbstwert. Ab dem Frühjahr geht es so: eine Seite aus einem Erstlesebuch der ersten Lesestufe, die dein Kind noch nie gesehen hat, eine Minute Stoppuhr, du zählst mit und ziehst die Fehler ab. Wenn eine volle Minute zu lang ist, nimm 30 Sekunden und verdopple - das ist für dieses Alter genau genug. Zum Halbjahr liegt ein Kind im Plan bei rund 37, am Schuljahresende zwischen 30 und 50 WpM. Zwei Dinge dabei. Erstens: Mach es zum Spiel, nicht zur Prüfung. Ein Kind, das merkt, dass es geprüft wird, liest anders. Zweitens: Wiederhol es an einem zweiten Tag mit einem anderen Text. In der 1. Klasse schwanken die Werte stärker als in jedem späteren Jahr, und ein einziger Durchgang kann um 10 Wörter danebenliegen. Die ausführliche Anleitung mit allen Fehlerregeln steht unter Lesegeschwindigkeit zu Hause messen, die Werte aller Klassen in der Tabelle mit Rechner.
Interaktiver Rechner
WpM-Rechner für den Ein-Minuten-Test
Mach den Ein-Minuten-Test von oben und trag dann die Zahlen ein. Du bekommst eine Schätzung der korrekt gelesenen Wörter pro Minute (WpM) und siehst, wo dein Kind im Vergleich zu den Klassennormen nach Hasbrouck-Tindal steht.
Wörter und Fehler von Hand zählen? Das übernimmt Readigo für dich, während dein Kind liest.
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Eine Schätzung, keine Diagnose. Nimm den Durchschnitt aus drei Durchgängen an verschiedenen Tagen, dann ist die Zahl verlässlich.
Was wirklich hilft: wiederholtes Lesen und Lautlesetandem
In der 1. Klasse hilft nicht „mehr lesen“, sondern „kurz, leicht und jeden Tag“. Was dein Kind jetzt braucht, ist nicht Tempo, sondern Sicherheit beim Zusammenlauten - das Tempo kommt danach von allein. - Echo-Lesen. Das Verfahren, das in diesem Jahr am besten passt. Du liest einen Satz mit natürlicher Betonung vor, dein Kind liest denselben Satz sofort nach. Es hat dein Vorbild im Ohr und muss den Satz nicht zugleich erlesen und betonen. Nach ein paar Wochen brauchst du nur noch bei den schweren Sätzen einzuspringen. - Denselben kurzen Abschnitt mehrmals lesen. Drei bis vier Sätze reichen, über eine Woche verteilt jeden Abend einmal. Das ist die Erstklässler-Variante des wiederholten Lesens: Der Text ist so kurz, dass der Erfolg schon am zweiten Tag hörbar wird, und die Wörter, die jetzt sitzen, tauchen im nächsten Buch wieder auf. - Silbenbögen und Anlauttabelle. Bei langen Wörtern malt ihr die Silbenbögen mit dem Finger unter das Wort (Kin-der-gar-ten). Bei einem Laut, der nicht kommt, geht ihr zurück auf die Anlauttabelle aus der Schule statt zu raten. - Ein Publikum, das nicht korrigiert. Dem Kuscheltier, dem kleinen Geschwisterkind, dem Hund vorzulesen nimmt den Druck raus. Das Lautlesetandem, bei dem zwei Kinder als „Sportler“ und „Trainer“ zusammen lesen, starten die meisten Schulen erst in der 2. Klasse. Der Text muss leicht genug sein: Stolpert dein Kind bei mehr als jedem zwanzigsten Wort, nimm ein einfacheres Buch. Zehn Minuten am Tag reichen. Passend für dieses Jahr sind der Leserabe in der Vor-Lesestufe und der 1. Lesestufe, der Bücherbär für die 1. Klasse und der Duden Leseprofi für die 1. Klasse - kurze Sätze, große Schrift, viele Ausgaben mit farbigen Silben. Mehr davon in unserer Bibliothek.
Wann du mit der Lehrkraft sprechen solltest
Ein Erstklässler mit 25 WpM im Mai ist kein Notfall. In diesem Jahr zählt die Richtung mehr als jede Zahl: Ein Kind, das im Februar 15 Wörter schafft und im Mai 30, entwickelt sich normal, auch wenn es unter dem Orientierungswert bleibt. Und noch etwas ist in der 1. Klasse wichtiger als das Tempo: ob dein Kind ein unbekanntes kurzes Wort erlesen kann. Halt ihm ein Wort hin, das es nie gesehen hat - „Lup“, „Rast“, „Mine“ - und schau, ob es die Laute zusammenzieht. Klappt das, ist langsames Lesen meist nur eine Frage der Übungsmenge. Klappt es nicht, fehlt die Buchstaben-Laut-Zuordnung, und dann hilft kein Tempotraining. Sprich die Lehrkraft an, wenn nach sechs bis acht Wochen täglichem Üben eines davon bleibt: Das Zusammenlauten unbekannter kurzer Wörter gelingt nicht. Einzelne Buchstaben werden im Mai noch verwechselt. Dein Kind rät Wörter aus dem Bild, statt sie zu lesen. Oder Lesen erschöpft es so, dass es nach fünf Minuten weint. Frag dabei nach der Buchstaben-Laut-Zuordnung, nicht nach Wörtern pro Minute - das ist die Frage, auf die eine Lehrkraft in der 1. Klasse eine brauchbare Antwort hat. Früh zu fragen lohnt sich: Röttig, Schwerkolt und Nottbusch (2021) fanden, dass Tempodefizite am Ende der 2. Klasse hartnäckig sind. Was du dieses Jahr konkret tun kannst, steht unter Mein Kind liest nicht flüssig. Readigo ist eine iOS-App für Kinder von 6 bis 12 Jahren: Sie hört zu, während dein Kind laut liest, und bewertet Genauigkeit, Leseflüssigkeit, Lesetempo und Deutlichkeit in Echtzeit. Für die 1. Klasse gehört die Einordnung dazu - die Geschichten in der App gibt es derzeit auf Englisch, Spanisch, Französisch, Polnisch und Ukrainisch, eine deutsche Bibliothek ist in Vorbereitung. Das Erstlesebuch mit dir auf dem Sofa bleibt in diesem Jahr der Kern. So funktioniert Readigo.
Quellen
- ISB Bayern, LehrplanPLUS - Serviceinformation „Lesegeschwindigkeit“ (Richtwerte nach Rosebrock, Gold, Nix & Rieckmann 2011)
- BiSS-Transfer - Lautleseprotokoll
- BiSS-Transfer - Lautleseverfahren: wiederholtes Lautlesen, Lautlesetandems
- Röttig, Schwerkolt & Nottbusch (2021) - Die Entwicklung der Leseflüssigkeit in der Grundschule (SLLD-B, Ruhr-Universität Bochum)
- Sächsisches Staatsministerium für Kultus - Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben vorbeugen